Lob der Langeweile

Michael Chalupka über eine langmütige Liebe

Ein Kind ist geboren. Ein Kind wird getauft. Ein Fest. Der Chor singt dem Kind ein Lied. Ein Lied vom Buch der Liebe. Eine Zeile dieses Liedes reißt mich aus meiner feierlichen Stimmung. Das Buch der Liebe, heißt es da, „das Buch der Liebe ist lange und langweilig!“

Die Liebe soll langweilig sein? Ist die Liebe nicht feurig, glühend und aufregend? In außergewöhnlichen Momenten mag das wohl stimmen, wenn die Liebe mit Schmetterlingen im Bauch einhergeht. Doch der Alltag der Liebe schaut anders aus. Die Windeln zu wechseln, in der Sandkiste den zehnten mühsam erbauten Turm zum Einsturz zu bringen, das kann ganz schön langweilig sein. Die Liebe bewährt sich genau in diesen Momenten. Da hat der Chor Recht. Kinder groß zu ziehen ist kein Kinderspiel. Diese Art von Liebe erfordert auch Mut, den Mut sich der Langeweile zu stellen.

Die Bibel hat dafür ein wunderbares Wort. Dort heißt es nicht die Liebe ist langweilig, sonders sie „ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf“.

Langmut ist sogar eine Eigenschaft, die Gott zugeschrieben wird. Er „ist
ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Güte und Treue“.

Haben wir Mut zur Langeweile, zum langen, geduldigen Verweilen mit denen, die uns lieb sind, gerade in einer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspannen immer kürzer werden und die Erregung als Lebenselixier gilt.