„Mechaye Hametim“: Gedenken an Novemberpogrome vor 88 Jahren

Zentraler Gottesdienst am 9. November in Wiener Ruprechtskirche

Wien (epdÖ) – Zum 88. Mal jähren sich heuer die Gräuel der Novemberpogrome: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden alle jüdischen Bethäuser Wiens (mit Ausnahme des Stadttempels) zerstört. Zahlreiche Juden wurden bei den Pogromen getötet oder verletzt. Allein in Wien wurden im Zuge des Furors insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser zerstört. 6.547 Wiener Juden wurden verhaftet, rund 4.000 von ihnen wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Novemberpogrome des Jahres 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Wien veranstalten auch heuer wieder mehrere christliche und jüdische Organisationen gemeinsam die „Bedenktage“-Reihe „Mechaye Hametim – Der die Toten auferweckt“. Hauptveranstaltung ist wie jedes Jahr der ökumenische Gottesdienst am 9. November, dem Jahrestag der Novemberpogrome, in der Wiener Ruprechtskirche (1010 Wien, Ruprechtsplatz 1). Bei der Feier um 19 Uhr wird die Wiener evangelische Religionspädagogin Julia Sylle Worte des Gedenkens sprechen. Liturgisch gestalten den Gottesdienst Pater Alois Riedlsperger und die evangelische Hochschulpfarrerin Katharina Payk. An den Gottesdienst schließt sich traditionell auch ein Schweigegang zum Mahnmal am Judenplatz an. Zum 40. Mal erinnert heuer die Gemeinde St. Ruprecht in Kooperation mit anderen Institutionen an diese Ereignisse und die Shoah – im Wissen um die Mitverantwortung von Christinnen und Christen.

Weitere Veranstaltungen

Über Chancen und Fallstricke im Dialog zwischen Judentum und Christentum diskutieren am Mittwoch, 4. November, die Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Regina Polak, und Jasmin Freyer von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Ort des Geschehens ist das Otto-Mauer-Zentrum (1090, Währinger Straße 2-4).

„Jüdische Bittbriefe an Pius XII. – Die Kirche und der Holocaust“ lautet der Titel einer Veranstaltung am Donnerstag, 5. November. Der deutsche Kirchenhistoriker Hubert Wolf präsentiert gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Wiener Schottengymnasiums sein Münsteraner Projekt „Asking the Pope for Help“. Pius XII. galt vielen als der schweigende Papst, der es nicht wagte, seine Stimme gegen die Judenverfolgung zu erheben. Dennoch lagern in den vatikanischen Archiven rund 10.000 Briefe, in denen jüdische Menschen an den Vatikan geschrieben und um meist finanzielle Unterstützung für die Flucht aus Deutschland gebeten haben. Zur Veranstaltung lädt die Akademie am Dom/Theologische Kurse (Stephansplatz 3, 1010 Wien). Beginn ist um 18 Uhr.

Spuren jüdischen Lebens und dessen Vernichtung in Liesing geht ein Gedenkspaziergang am Samstag, 7. November, ab 10 Uhr nach. Treffpunkt ist bei der Gedenktafel für die Liesinger Opfer des NS-Euthanasieprogramms (Liesinger Schlosspark, Perchtoldsdorfer Straße 6, 1230 Wien).

Ebenfalls am Samstag, 7. November, lädt die Gemeinde St. Ruprecht zu einem Gottesdienst in die Ruprechtskirche (1010 Wien). Dabei geht es um die richtige Auslegung oftmals als judenfeindlich gelesener biblischer Texte.

Am Mittwoch, 11. November, gibt es an der Akademie am Dom/Theologische Kurse (Stephansplatz 3, 1010 Wien) einen Vortrag und ein Gespräch über das Vermächtnis Elie Wiesels. Dazu referiert der Tübinger Wiesel-Spezialist Reinhold Bokschi. Elie Wiesel überlebte als 16-Jähriger Auschwitz und Buchenwald. Nach der Befreiung widmete er sein Leben der Aufklärung und Erinnerung. Bokschi hat Wiesel persönlich gekannt und beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit dessen Leben und Werk.

Zudem ist am Montag, 16. November, um 19.30 Uhr im Wiener Votivkino (1090 Wien, Währinger Straße 12) der Film „Der Passfälscher“ (D/L 2022) zu sehen. Der Film erzählt die Geschichte von Cioma Schönhaus (1922-2015), der als Jude zunächst u.a. als Passfälscher in Berlin überlebte und sich dann, 1943, in die Schweiz durchschlug. Regisseurin Maggie Peren geht diese Geschichte nicht als Heldenepos an, sondern zeigt Cioma und seinen Freund Det als junge jüdische Männer, die in den Tag hineinleben und sich der Verfolgung fast spielerisch zu entziehen suchen. Das Leben unter diesem Regime war auch ein Leben mit heiteren bis grotesken Zügen, das Damoklesschwert der Deportation schwebte trotz allem über diese jungen Leute. Im Anschluss an den Film gibt es ein Gespräch über diese Art der „Vergangenheitsbewältigung“.

„Mechaye Hametim“ ist eine gemeinsame Veranstaltungsreihe der Gemeinde St. Ruprecht, dem Albert-Schweitzer-Haus – Forum für Zivilgesellschaft, der Evangelischen Hochschulgemeinde Wien, der Zeitung „Die Furche“, vom Forum Zeit und Glaube – Katholischer Akademiker/innenverband der Erzdiözese Wien, der Katholischen Aktion Österreich, der Katholischen Hochschuljugend Wien ,des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Theologischen Kurse.

Infos: www.ruprechtskirche.at